Psychoanalyse

    Bericht eines Analysanden

    Natürlich hatte ich schon von „Psychoanalyse“ gehört. Sigmund Freud’s Werk wurde damals im Philosophie-Unterricht in der Schule vorgestellt, meiner Erinnerung nach in einer stark verkürzten Form, hauptsächlich seine Entdeckungen und Theorien  „Sexualität“ betreffend: Alles ist sexuell. Alles, was höher als breit ist = Penis, Öffnungen jeglicher Art = Vagina. Ähnlich vereinfachte Darstellungen über „das Unbewusste“ waren mir auch aus Medienberichten über die Psychoanalyse bekannt:  Der Mensch als triebgesteuertes, unbewusst handelndes Wesen, das besser auf einer Couch liegen sollte – so sieht mich die Psychoanalyse, so sieht mich der alles durchschauende Psychoanalytiker: „Mhm?“ Nun, keine einladenden Bilder: Düster und geheimnisvoll, einschüchternd, weil der Unwissende, der Patient, so ahnungslos dem mächtigen Durchblick des Analytikers ausgesetzt, oder besser ‚offengelegt‘ scheint. So war es damals auch nicht der erste Gedanke, in meiner verstrickten, aussichtslos lähmenden Lebenssituation, einen Psychoanalytiker um Hilfe zu bemühen. Mein erster Weg führte mich in Selbsterfahrungsgruppen, die von Tiefenpsychologinnen geleitet wurden. Freilich tat es gut (und wirkte vorübergehend lindernd), zu sehen, dass auch andere in scheinbar komplizierten partnerschaftlichen Beziehungen festsaßen, beruflich unzufrieden keine Möglichkeit der Weiterentwicklung für sich fanden und auch so manch anderer Gruppenteilnehmer sein bisheriges Leben in kurioser Schräglage erlebte.

    Nach etwa zwei Jahren verloren die vierwöchentlich stattfindenden Sitzungen mit der Gruppe an Reiz und Möglichkeiten: Kurzum, mein Leidensdruck erfuhr zwar Linderung; mir wurde jedoch klar, dass ich mich intensiver mit meinem lebensgeschichtlichen Geworden-Sein und Werden auseinandersetzen wollte. So schlug ich zum wiederholten Male den „Tiroler Psychotherapieführer“ auf, las abermals über die dort beschriebenen Therapiemethoden nach, und entschloss mich – mehr meiner Neugier, als den Zweifeln nachgebend – im Telefonbuch nach einem Therapeuten psychoanalytischer Ausrichtung zu fahnden. Nach mehreren Anläufen fand sich ein Analytiker, der einen Therapieplatz frei hatte und mit dem ich mir die Zusammenarbeit vorstellen konnte, auch wenn mir weiterhin mulmig zumute war: Was kam da nun auf mich zu? Werde ich ein ganz anderer, wie ein Freund vermutete, ein „Ego-Schwein“ und „rücksichtlos triebiger Narziss“? Am Ende gar „verrückter“ als zuvor und noch dazu pleite?

    Der folgende, mehr als dreijährige Therapie-Prozess lässt sich nicht in wenige Zeilen fassen. Skizzenhaft (und damit leider etwas ungenau) möchte ich allerdings berichten, dass ich den therapeutischen Prozess als vorwiegend geglückten Versuch erlebte, mit dem Therapeuten ein gemeinsames Verständnis zu erarbeiten: Wie die von mir und/oder meiner Umgebung als konflikthaft erlebten Beziehungen besser (anders als gewohnt) zu verstehen sind; wie ich bestimmten Mustern folgend zur Wiederholung der bekannten Inszenierungen neigte; wie sich mein leidhaftes Erleben aus früher erprobten (damals durchaus passenden), heute jedoch obsoleten Konfliktlösungsmodellen speiste.

    In der Beziehung zum Therapeuten konnte ich mich zunehmend stabiler, im Sinne von konfrontierbarer und sicherer im eigenen emotionalen Erleben, erfahren: Dieser Zugewinn an Sicherheit und Stabilität ist wahrscheinlich die Voraussetzung, das Repertoire an Gestaltungsmöglichkeiten zu erweitern, indem bisher vermiedene oder nicht bewusste Facetten der Beziehungsgestaltung mit dem Therapeuten erarbeitet, schließlich im „realen Leben“ erprobt und wiederum in der Therapie reflektiert werden konnten. Einige Erlebens- und Verhaltensweisen konnte ich mit Hilfe des Analytikers als „wenig zeitgemäßen Ballast“ identifizieren, der nach und nach abgearbeitet werden konnte – neue innerpsychische und interaktionelle Spielräume bekamen so mehr Platz. Heute, einige Jahre nach Abschluss dieser Therapie, kann ich den therapeutischen Prozess rückblickend als wichtigen und wesentlichen Lebensabschnitt beschreiben, in dem ich eine Bereicherung und Vertiefung meines Selbst-Verständnisses gewinnen konnte, das wiederum auf fortwährender Selbst-Reflexion beruht. Auf Basis dieser Veränderungen gelingt heute die Gestaltung von befriedigenderen Beziehungs-, Arbeits- und Lebenskonstellationen.