Psychosomatische Abklärung

    Psychosomatische Beschwerden als Möglichkeit der Veränderung

    Die Psychosomatische Medizin wird vom „guten alten Hausarzt“ seit jeher praktiziert: Er berücksichtigt seelische Faktoren bei Diagnosestellung und Behandlung, er kennt Familien-, Arbeits- und Entwicklungsstruktur seiner Klienten. Viele Menschen werden dabei ausreichend betreut, doch erscheint bei spezielleren Erkrankungen dieses Modell nicht zu genügen. Es dauert oft immer noch viele Jahre, bis primär psychische Faktoren, die zu körperlichen Erkrankungen führen, kausal behandelt werden.
    Aus den ursprünglich sieben klassischen als „psycho-somatisch“ erkannten Erkrankungen (F. Alexander: Ulcus duodeni, Colitis ulcerosa, essentielle Hypertonie, rheumatoide Arthritis, Hyperthyreose, Neurodermitis, Asthma bronchiale) wurde mittlerweile einer breiten Palette aller Organsysteme psychische (Mit-)Ursprünge zugeordnet. Diesem Faktum wird über weite Strecken nicht Rechnung getragen, entweder wird der Betroffene nicht ausreichend ernst genommen, als „Hypochonder“ abgetan, oder es findet eine Stigmatisierung statt. Es scheint jedoch gerade dieser erste Schritt, das sich Eingestehen psychischer Faktoren und ein damit verbundenes Sich-Selbst-Ernstnehmen ein wesentlicher Motor in Richtung Genesung zu sein.

    Das Verstehen von Wechselwirkungen zwischen körpereigenem Abwehrsystem und emotionalem Erleben ist seit geraumer Zeit Ziel intensiver Forschungen. Etwas vereinfacht dargestellt kann man drei wesentliche Reaktionsweisen unterscheiden. Die mangelnde Funktion ist die von vielen von uns bereits erlebte Anfälligkeit gegenüber Krankheitserregern in Zeiten seelischer und körperlicher Erschöpfung. Die fehlerhafte Funktion beschreibt einerseits das Nichterkennen körperfremder oder entarteter Zellen (z.B. Tumore), andererseits das Nichterkennen körpereigener Stoffe und damit die Reaktion des Immunsystems auf den eigenen Körper (z.B. rheumatische Erkrankungen, Autoimmunerkrankungen). Schließlich wäre als dritte Reaktionsweise die überschießende Funktion zu nennen.

    Diese Erkrankungen treten zunehmend in den Vordergrund der ärztlichen Praxis und zeigen sich vor allem in Form von Allergien (Asthma, Ekzeme, Neurodermitis und Heuschnupfen). Neben dem Immunsystem spielt für zahlreiche psychosomatische Erkrankungen auch die direkte Verarbeitungsart von Gefühlen im Rahmen von Stresserleben eine wesentliche Rolle. So kann es über eine eine systemische Blockierung und Frustrierung bestimmter psychischer Bedürfnisse und Tendenzen zu einer Dauererregung, auch über das vegetative Nervensystem, kommen (z.B. Bluthochdruck, Migräne, Überfunktion der Schilddrüse). Ein weiterer Verarbeitungsmodus ist zum Bespiel der der Ersatzhandlung oder -befriedigung, etwa im Rahmen von Über- und Untergewicht.
    Im therapeutischen Prozess geht es vor allem darum, die Belastungen und Konflikte, die mit unlustvollen emotionalen Zuständen zusammenhängen, aber auf psychischer Ebene häufig nicht (mehr) „existieren“, wieder erlebbar und bewusster zu machen: die psychosomatische Erkrankung als Chance für Entwicklung und auch als Möglichkeit der Veränderung zu sehen, und nicht als Schicksal, mit dem man sich abfinden muss oder das es zu bekämpfen gilt. Es wird versucht, für jeden Einzelnen die Möglichkeit zu erlangen, eigene psychische Ressourcen zu mobilisieren und auszuprobieren. Ein Ziel könnte sein, dorthin zu gelangen, dass jeder bessere Umgangsmöglichkeiten mit sich selbst schafft und die Erkrankung mit ihren Symptomen nicht mehr notwendig wird.
    Ein psychosomatischer Ansatz versteht sich im Sinne eines ganzheitlichen Verständnisses, in dem auch eine parallel laufende z.B. medikamentöse Therapie Platz haben kann.